Sonntag, 19. März 2017

[REZENSION] "Es.ist.nicht.fair" von Sarah Benwell





Verlag: Hanser I Leseprobe
Seiten: 342
Jahr: 2016
Ausgabe: Hardcover
Preis: 18,00€
Meine Bewertung: 5/5
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Eine berührende Geschichte zum Thema Sterbehilfe, die zeigt, wie wichtig Liebe in Zeiten schwerer Krankheit ist und wie weit man aus Freundschaft geht. 

Mit der Diagnose ALS ist nichts mehr, wie es war, für den 17-jährigen Sora. Er wird sterben. Bald. Konfrontiert mit dieser Wahrheit sucht Sora nach einem Rest Selbstbestimmung und Würde. Einen geschützten Raum findet er in Chats im Internet. Hier findet er auch neue Freunde: die vom Zeichnen besessene Mai und den liebenswerten Kaito. Doch werden die beiden ihn auch noch mögen, wenn sie ihn richtig kennenlernen? Wenn sie alles über ihn wissen? Soras Gedanken kreisen immer konkreter um den Plan, wenigstens den Zeitpunkt seines Todes selbst zu bestimmen. Nur dafür braucht er die Hilfe seiner Freunde. Eine bewegende Geschichte über Krankheit und Tod, aber auch über die Kraft wahrer Freundschaft. (Hanser)

Ich starre auf den blinkenden Cursor oben auf der Seite.

Amyotrophe Lateralsklerose - oder kurz: ALS. Den bekanntesten Betroffenen kennen wir alle: Stephen Hawking. Spätestens seit dem Sommer 2014 dank der Ice-Bucket-Challenge in aller Munde und (mit Glück) noch in einigen Köpfen. 

Und so lustig es der ein oder andere gefunden haben mag sich vor eine Kamera zu stellen, einen Eimer mit eiskaltem Wasser zur Hand zu nehmen, jemanden zu nominieren und dann mit Schnappatmung mädchenhaft zu kreischen...was wissen diese Menschen eigentlich wirklich über diese Krankheit? War es nur ein Hype und Gruppenzwang, oder haben sich alle Teilnehmer wirklich ernsthaft mit dem Sinn und Zweck dieser Übung und der dazugehörigen Krankheit auseinander gesetzt?

Sora weiß worum es geht. Doch Sora muss nicht von einem YouTube-Video darauf gebracht werden. Er erlebt es hautnah, denn er ist erkrankt. Doch wie kann das sein? Sora ist doch erst 17 Jahre alt und diese Krankheit befällt doch nur alte Männer. Oder? Aber man kann es nicht abstreiten. Jeden Tag aufs Neue hat Sora mehr Beschwerden und Ausfälle. Ihm wird bewusst, dass er sterben wird. Und das recht bald. Doch er will sich nicht hinsetzen und abwarten, sondern etwas tun. Sora möchte selbstbestimmt sterben.

Sarah Benwell hat eine ganz besondere Atmosphäre geschaffen. Ihr Schreibstil ist lockerleicht, doch die Geschichte dahinter ist hart und traurig. Die Autorin erzählt von Träumen und Wünschen, die ganz sicher unerfüllt bleiben müssen. Von Angst und Frust, aber auch von Freundschaft und Mutterliebe. Von neu gewonnen Erkenntnissen, über Bord geworfenen Vorurteilen, Verständnislosigkeit, Vertrauen und Hilfe.

Außerdem wird deutlich, dass das Internet sowohl Fluch, als aus Segen sein kann. Denn auch wenn Mails von einem Selbstmord-Club die Runde machen und Sora Zeuge von einem fürchterlichen Live-Video wird, findet er im Chat die besten Freunde, die er je haben konnte. Und das nicht nur online, sondern auch im realen Leben.

Ich glaube dieses Buch ist etwas ganz Besonderes und kann jung und alt gleichermaßen berühren. Auch wenn es als Jugendroman eingestuft ist und dies auch durch den Wechsel zwischen Roman und Chat deutlich wird, bleibt auch ein Erwachsener nachdenklich und mit einem Kloß im Hals zurück.

Was ich ganz zauberhaft finde ist, dass Sora sich vom Schicksal seine Träume nicht nehmen lässt. Natürlich trägt seine Freundin Mai auch einen erheblichen Beitrag daran, aber Sora träumt weiterhin was sein könnte, wenn sein Leben anders verlaufen wäre. Und so sollte es auch sein. Menschen brauchen Träume, egal wie wahrscheinlich oder eben unrealisierbar diese sind.

Ich habe gelesen, dass sich eine Leserin darüber "beschwert" hat, dass dieses Buch so traurig und hoffnungslos wäre (u.a. O-Ton: "Ich habe etwas Positives vermisst"). Das kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Es ist von Anfang an klar, dass jemand krank ist. Diese Krankheit ist unheilbar und endet früher oder später tödlich. Das ist einfach so - da beißt die Maus keinen Faden ab. Hätte die Autorin hier plötzlich die wundersame Heilung eintreten lassen sollen? Ebenfalls weiß man vor dem Lesen bereits, dass es auch um Sterbehilfe geht. Wenn ein junger Mensch stirbt (egal ob freiwillig oder durch das Schicksal/Unfall/Krankheit) ist das immer mehr als traurig und schlimm. Daran gibt es keine Hoffnung und nichts "Stimmungsvolles".

Auf der anderen Seite muss man aber sagen, dass es neben den ganzen Schlimmen Dingen in diesem Buch sehr wohl positive Dinge, als auch Hoffnung gibt. Sora hat zum Beispiel das erste Mal in seinem Leben richtig gute Freunde und auch wenn er über sich und sein Leben kaum noch Kontrolle hat, bleibt ihm die Hoffnung zumindest seinen Tod selbst zu bestimmen. Diese Kritik kann ich also absolut nicht nachvollziehen. Eben diese Dame fand leider kein Gefallen am Ende. Das ist natürlich immer Geschmackssache und ich kritisiere hier nicht ihre Meinung oder ihr Empfinden. Aber ich weiß nicht, was es sonst für ein Ende hätte sein sollen. Möglicherweise ein offenes Ende, bei dem nicht ganz klar ist wie Sora handelt. Das wäre eine Option gewesen. Dass das Resultat allerdings dasselbe ist (egal ob geschrieben oder nicht), ist unvermeidlich.

Bin ich am Ende wieder wie ein Kleinkind? Wird meine Mutter mir Brei vom Kinn wischen?
(Seite 233)

Ein ganz wundervolles ruhiges Buch, dass jung und alt gleichermaßen berühren kann. 
Der Leser bleibt mit einem Kloß im Hals, Tränen in den Augen aber auch einem Lächeln auf den Lippen zurück.

Ich empfehle dieses Buch jedem, der etwas fürs Herz braucht und mal wieder den "wie gut, dass ich gesund bin"-Gedanken in seinem Kopf formen möchte.



Ich danke dem Hanser Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

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