Sonntag, 11. Oktober 2015

[REZENSION] "Runa" von Vera Buck

Titel: Runa
Autor: Vera Buck
Verlag: Limes
Seiten: 602
Jahr: 2015 
Ausgabe: Hardcover
Preis: 19,99€


"Man kam nicht her, um zu genesen, sondern um zu sterben."

Paris 1884. In der neurologischen Abteilung der Salpêtrière-Klinik führt Dr. Charcot Experimente mit hysterischen Patientinnen durch. Seine Hypnosevorführungen locken Besucher aus ganz Europa an; wie ein Magier lässt der Nervenarzt die Frauen vor seinem Publikum tanzen. Dann aber wird Runa in die Anstalt eingeliefert, ein kleines Mädchen, das all seinen Behandlungsmethoden trotzt. Jori Hell, ein Schweizer Medizinstudent, wittert seine Chance, an den ersehnten Doktortitel zu gelangen, und schlägt das bis dahin Undenkbare vor. Als erster Mediziner will er den Wahnsinn aus dem Gehirn einer Patientin fortschneiden. Was er nicht ahnt: Runa hat mysteriöse Botschaften in der ganzen Stadt hinterlassen, auf die auch andere längst aufmerksam geworden sind. Und sie kennt Joris dunkelstes Geheimnis…



Ich holte Luft, als wir uns aufstellten und ich nun selbst sah, was man sich vorhin, beim Umkleiden, nur hinter vorgehaltener Hand zu erzählen gewagt hatte.


Prinzipiell will ich eigentlich gar nichts groß zum Inhalt sagen. Allerdings hatte ich mir nach dem Klappentext etwas anderes erhofft.

Eingestellt hatte ich mich auf eine irgendwie mystische, spannende Geschichte, die auch einen gewissen Thrilleraspekt enthält. Bekommen habe ich ein langatmiges Buch, das selten Spannung aufkommen lassen wollte und voll mit medizinischer Geschichte war.

Nun muss ich sagen, dass ich mich für Medizin und auch die geschichtlichen Aspekte durchaus interessiere und das Buch, was das betrifft, wirklich sehr gut recherchiert finde, allerdings hat mich die Geschichte weder vom Hocker gehauen noch überzeugt.

Eingeteilt ist das Buch in sechs Abschnitte, die alle mit Zitaten von medizin-geschichtlich wichtigen Personen beginnen. Diese Personen kommen stellenweise im Buch vor. Kapiteleinteilungen gibt es dann allerdings nicht. Die Stellen zwischen den Abschnitten sind sichtbar in verschiedene Bereiche unterteilt, allerdings stehen keine Kapitel darüber. Die Perspektiven und Erzählformen wechseln stetig.

Im Buch kommen unglaublich viele Menschen vor, die irgendwie alle Teil ihrer eigenen Geschichte sind, zum Schluss aber doch in einem Strang zusammenlaufen. Den ein oder anderen hätte es meiner Ansicht nach überhaupt nicht gebraucht. Zwar waren sie alle wichtig und haben die Geschichte weitergebracht, aber das hätte man auch anders lösen können. 

Sowohl Titel als auch Klappentext weisen daraufhin, dass Runa eine sehr tragende Rolle spielt. Prinzipiell ist es auch Runa, die alles ins Rollen bringt, aber der eigentliche Protagonist ist Johann Richard Hell, genannt Jori. Bis es endlich dazu kommt, dass Runa auftaucht, vergehen unglaublich viele Seiten, in denen ich irgendwann unheimlich genervt von Jori und seiner Besessenheit von Dr. Charcot war.

Ich gebe zu, dass ich wirklich überlegt hatte dieses Buch abzubrechen. Allerdrings wurde ich dann immer wieder von dem Gedanken 'Bald passiert bestimmt was richtig Krasses' angetrieben - leider war es nicht so. 

Es gab spannende Stellen, wo die Seiten nur so geblättert wurden, aber diese waren in meinen Augen viel zu wenig vertreten. Unnötige Situationen wurden zu lang und zu genau beschrieben und nahmen mir den Lesespaß. Ich muss nicht über viele Zeilen lesen, wie Jori ein Gespräch mit Joseph Babinski führt, mit seinen kalten Fingern ein Blatt von einem Busch rupft und dieses immer und immer wieder dreht bist es irgendwann (endlich!) kaputt ist und zu Boden fällt.

Ich weiß nicht, ob versucht wurde aus eigentlich 400 Seiten 600 zu machen - aber dann und wann kam es mir so vor.

Das Ende hat mich zu guter Letzt dann so richtig enttäuscht. Immer wieder hatte ich neue Gedanken im Kopf, wie es jetzt richtig fulminant enden könnte - und dann war es halt einfach vorbei. 

Zurückgeblieben bin ich mit dem Gefühl, dass das doch nicht alles gewesen sein konnte. Es blieben keine offenen Fragen und es ist auch kein Cliffhanger, der auf einen zweiten Teil "hoffen" lassen könnte, aber ich bin damit einfach wirklich unzufrieden. 

Sie waren in jedem Land gleich, diese Schlösser, hinter denen man seine Tiere wegsperrte - oder seine Kinder. 
(Seite 15) 

Charcot hatte so seine Lieblinge unter den Frauen, die er immer wieder vorführte, dressierbare Tiere, ebenso schwachsinnig wie schwachwillig und nachgiebig wie Lymphödeme, aber hübscher.
(Seite 59)

Runa hatten sie in die Gebäude der Sektion Esquirol gesteckt, zu den >>jungen idiotischen Mädchen<<. 
(Seite 161) 

Und so wurden seine Kontrollbesuche immer länger und häufiger und Jori zu einer Art Beschützer für Runa, deren Hilflosigkeit ihn fast vergessen ließ, dass eigentlich er selbst es war, vor dem sie sich beide fürchten mussten. 
(Seite 241)


Ein Buch, das sehr interessant und unglaublich gut recherchiert ist, was die medizinische Geschichte betrifft, aber mit der eigentlichen Handlung und dem Ende überhaupt nicht bei mir punkten konnte.

Wer auf ein spannendes, mystisches Buch hofft, sucht hier leider vergebens. Zusätzlich nehmen die wahnsinnigen Längen und damit verbundene Langeweile das Lesevergnügen.




Ich danke dem Limes Verlag für dieses Rezensionsexemplar!






Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen