Samstag, 4. Juli 2015

[REZENSION] "Schutzkleidung is nich!" von Nicholas Grünke

Fakten


Titel: Schutzkleidung is nich! II  Autor: Nicholas Grünke II Verlag: Rowohlt II Jahr: 2013 II Seiten: 282 II Preis: 9,99 € II Mehr Infos

Klappentext


Als die Aufträge ausbleiben, der Geldautomat den letzten Fünfer ausgespuckt hat und alle Pfandflaschen zurückgebracht sind, ist der Kunstmanager Nicholas Grünke ganz unten angekommen. Wie könnte er jetzt noch wählerisch sein? Also legt er den Maßanzug ab und fängt widerwillig auf einer Berliner Großbaustelle an. Und findet sich wieder in einer skurrilen Parallelwelt voller wandelnder Klischees, die so vor Männlichkeit strotzt, dass selten jemand nüchtern ist und nur Schwächlinge einen Helm tragen.

Erster Satz


Mühsam stapfe ich mit meinen Tüten voller Leergut durch den braunen Berliner Schneematsch.

Cover


Das Cover ist schwarz-weiß und zeigt den Autor selbst in Arbeits- und (!!!) Schutzkleidung.
Autorenname und Buchtitel sind auf gelbem Grund und das erinnert stark an die "Eltern haften für ihre Kinder"-Warnschilder, die an jeder Baustelle zu finden sind.
Ein unglaublich passendes Buchcover!

Schlägt man den Deckel auf, befindet sich dort ein Bild von dem Autor im Anzug.
Somit werden beide Seiten von Nicholas Grünke gezeigt - klasse Idee!

Meinung


Zuallererst möchte ich mich bei dem Team von Lovelybooks bedanken, die mir dieses Buch im Zuge der "Bücher gegen Rezensionen"-Aktion haben zukommen lassen!
Ich hatte mich für einige Bücher beworben und insgeheim darauf gehofft, dass ich genau das gewinnen würde :)

Ich denke fast jeder hat einen Menschen im Freundes- und/oder Bekanntenkreis, der in irgendeiner Form auf dem Bau tätig ist oder war und somit hat auch fast jeder schon einige Geschichten über die herrschenden Arbeitsbedingungen gehört.
So ging es zumindest mir ;)
Ich hatte mal einen guten Freund, der im Straßenbau tätig war und mir regelmäßig Dinge erzählt hat, die von einem leichten Lächeln mit begleitetem Kopfschütteln über ein entsetztes Lachen bis hin zur Schnappatmung geführt haben. So kam es, das mir vieles in diesem Buch bekannt vorkam und ich oft lauthals gelacht habe.

Nach langem hin und her und sich stapelnden Rechnungen entschließt Nicholas Grünke sich schließlich die Arbeit auf einer Berliner Großbaustelle anzunehmen, die er von einer Freundin verschafft bekommt.
Zu Beginn geht er relativ blauäugig an die ganze Sache heran - wird aber schließlich immer wieder eines Besseren belehrt.

Kaum auf der Baustelle angekommen, wird ihm nach einer kurzen Einweisung (nach dem Motto: Learning by doing) ein Stemmhammer in die Hand gedrückt, mit welchem er Kappendecken durchbrechen soll.

"Immer schön gucken, wo de stehst. Musste aufpassen!"
"Mhm. Werd dran denken."
"Denken? Aufpassen sollste!"
(Seite 21)

Schnell muss er lernen, dass der Umgang untereinander ein deutlich anderer ist, als zwischen Künstlern und Kunsthändlern in irgendeiner Galerie. Die Menschen auf dem Bau sind eben ein völlig anderer Schlag und haben vollkommen andere Interessen.

"Wie heißt der Hund?"
"Hump! Von Humpen, weißte, Bierhumpen."
Von allen absurden Hundenamen ist dies wohl der bescheurtste aller Zeiten.
(Seite 31)

Etwas Groteskeres habe ich noch nicht erlebt. Da steht ein etwa 50-jähriger Palästinenser in Berlin auf einer Baustelleund entblößt seinen Oberkörper bei minus 15 Grad, um uns aus Bruderschaft oder was auch immer, sein abgewetztes Maria-Tattoo zu zeigen! Unfassbar!
(Seite 48)

Als Teil der Gameboy-Generation glaubte ich als Kind, alle Klempner wären ein bisschen so wie Super Mario. Aber der hier ist alles andere als super, und sein Kollege sieht auch nicht gerade aus wie der freundliche Luigi. [...] Nein, von denen rettet am Ende sicher keiner eine Prinzessin.
(Seite 55)

Bei allen Arbeiten fragt Nick (wie ihn seine Kollegen schnell "getauft" haben - und was ihm so gar nicht passt) immer wieder nach Schutzkleidung, erhält allerdings immer wieder dieselbe Antwort: Schutzkleidung ist schwul!

"Wieso Husten?"
"Na, man atmet den ganzen Scheiß doch auch ein! [...]"
"Und die Schutzmasken haben dann auch nichts genutzt?"
"Masken? Wir sind doch keine Memmen."
(Seite 116)

Allerdings muss er nach einer Weile auf dem Bau mit Entsetzen feststellen, dass auch er nun eine völlig andere Sichtweise hat.

"Das staubt ja extrem. Kann ich mir irgendwo 'ne Maske holen?"
"Stell dich nicht so an wegen dem bisschen Dreck", entgegne ich barsch und erschrecke mich im selben Augenblick über meine Worte.
(Seite 259) 

Schreckten ihn diese völlig anderen Menschen am Anfang noch irgendwie ab, stellt er auch schnell fest, wie herzlich sie alle sind.
Schnell schließen sich Freundschaften, er wird zum Essen, Kaffee oder auch dem ein oder anderen Schnaps eingeladen und scheint seine Kollegen schnell irgendwie ins Herz zu schließen.

Dank ihnen wird er nicht nur von dem ein oder anderen Vorurteil befreit, sondern sieht auch seine eigentliche Arbeit, die Kunst, mit völlig anderen Augen.

Bei einer Gruppenausstellung in Antwerpen hatte ein befreundeter Künstler eine Mauer quer durch die Galerie gezogen. [...]
Nach über einem halben Jahr auf der Baustelle sah ich diese Installation nun mit anderen Augen.
"Warum hast du an der Oberkante einen Schlitz gelassen? Und warum legst du die Steine nur aufeinader, wenn du eine Mauer bauen möchtest?", frage ich Robin.
[...]
"Ja, stapeln! Das ist genau, was mich stört. Eine Mauer braucht Mörtrel. [...]"
"Hm, vielleicht hast du recht."
"Das nächste Mal helfe ich dir, das richtig zu mauern."
(Seite 127, f.)

Ehe er sich versieht ist ein Jahr um und der eigentliche "Übergangsjob" zu einer Routine und Selbstverständlichkeit geworden.
Doch Nicholas zieht es zurück. Weg von der Baustelle und zurück in sein altes Leben, in der die Menschen anders sind und die Arbeit weniger anstrengend ist.

Dem Autor ist ein wunderbares Buch über ein Jahr seines (Arbeits)Lebens geglückt, dass den Leser sowohl erheitert, als auch nachdenklich stimmt.
Spätestens nach dem Lesen sollte eine andere Sichtweise auf diese wirklich schwer arbeitenden Menschen geworfen werden und ihnen dann und wann mehr Verständnis entgegengebracht werden.

Zitate / Textstellen


"Sag mal, Eberhart, warum gehst du eigentlich die Treppe rückwärts runter?"
"Bin ma von 'nem Dach runtergeknallt, seitdem ist die Hüfte und dat Knie am Arsch."
[...]
"Bist du nie auf die Idee gekommen den Job zu wechseln?"
"Nee, wieso? Ich bin Dachdecker. Wat willste machen?"
(Seite 114, f.)

"[...] Aber aufer Arbeit umkommen, dat wär schon scheiße. Weißte, wat toll wär?" [...] "Im Puff totficken! Dat wärs."
 (Seite 201)

Ich zeige auf den dicken Schnurrbart, den ich seit Monaten trage. Ich bin wirklich schon zu lange auf der Baustelle, glaube ich.
(Seite 251)  

Fazit


Nicholas Grünke ist ein unglaublich gutes Buch über einen Schlag Menschen gelungen, der mit viel zu vielen Vorurteilen behaftet ist.
Ich empfehle dieses Buch sowohl Top-Managern (die sicherlich noch einiges dabei lernen können ^^) als auch ganz "einfachen" Menschen - unterhalten wird es sicherlich jeden!

Bewertung


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